Sprachen
Deutsch English

Warum Meditationsforschung?

Es gibt eine umfangreiche Forschungsliteratur, die sich mit Meditation befasst, um ihre physiologischen und psychologischen Grundlagen zu verstehen und ihre gesundheitlichen Effekte in Hinblick auf Anwendungen auszuloten. Die wissenschaftliche Untersuchung von Meditation ist jedoch mit besonderen Problemen verbunden:

  1. Im Zentrum der Meditation stehen Bewusstseinsveränderungen, die naturgemäß nicht beobachtet werden können.
  2. Eine Befragung von Meditierenden während der Meditation ist kaum möglich, weil dies den Prozess der Meditation unterbrechen würde.
  3. Bei einer anschließenden Befragung stellt sich das Problem, dass sich Meditationserfahrungen oft nur schwer in Worte fassen lassen.
  4. Schließlich kann das Ausfüllen von Fragebögen nach einer tiefgreifenden Meditation auch leicht als Störung empfunden werden, ebenso wie das Anlegen von Elektroden und anderen Messfühlern, die das Gefühl vermitteln, als Forschungsobjekt unter ständiger Beobachtung zu stehen.

Meditationsforscher praktizieren in der Regel selbst Meditation und sind von daher mit diesen Problemen vertraut. Die Meditierenden werden eher als Kooperationspartner und Weggefährten betrachtet denn als „Versuchspersonen“. Für die Wissenschaft stellt Meditation einen wichtigen Zugangsweg zur Untersuchung veränderter Bewusstseinszustände dar. Es ist richtig, dass Meditation auch wirkt, ohne dass der Praktizierende wissen muss, was dabei im Gehirn geschieht. Aber vielleicht würden noch mehr Menschen meditieren, wenn die auftretenden psychologischen Phänomene (z.B. mystische Erfahrungen) und ihre physiologischen Grundlagen besser verstanden würden.

Der derzeitige Stand der Meditationsforschung lässt sich in der Regel folgenden Forschungsbereichen zuordnen: Physiologie (Entspannung), Neurologie (Neuroplastizität, Nervenzellenwachstum, Hirnareale,  Gehirnwellen, neuronale Integration), Endokrinologie (Serotonin, Dopamin, Endorphine), Immunsystem (Förderung der Killerzellen, Inhibition von Entzündungsprozessen), Motorik (Kontrolle und Feinabstimmung der Sensomotorik), Bewusstsein (Achtsamkeit; Selbstregulation bzgl. Aufmerksamkeit, Gedanken, Emotionen und Verhalten; kognitive Umstrukturierung; transpersonale Erfahrungen und Selbsttranszendenz), Persönlichkeit (persönliche Entwicklung, seelische Gesundheit, Liebesfähigkeit, Autonomie); Verhaltensmedizin (therapeutische Wirksamkeit u.a. bei Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Allergien, Neurodermitis und Psoriasis, Depressionen, Ängsten, emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung, ADHS, Suchterkrankungen, Schmerzen).

Die bisherigen Forschungsergebnisse weisen in eine erfolgsversprechende Richtung. Auch wenn die Meditationsforschung noch in den Kinderschuhen steckt, ein vorläufiges Fazit ist dennoch möglich. Für die Medizin erbringt die Meditationsforschung wertvolle Erkenntnisse zum sogenannten Leib-Seele-Problem. Die Leib-Seele-Einheit bzw. Geist-Gehirn-Verbindung wird in der Meditation erfahrbar und durch die Meditationsforschung „sichtbar“ und evident. Als Königin der Psychohygiene und Verhaltensmedizin mit Breitbandspektrum sollte Meditation in keiner Klinik fehlen. Aber Meditation ist mehr als eine therapeutische oder gesundheitliche Maßnahme. Paraklinisch betrachtet fördert Meditation die Lebensqualität und Sinnerfülltheit, indem sie dabei viele relevante Zwischenvariablen (Mediatorvariablen) beeinflusst (Gedankenqualität, Gefühlsqualität, Handlungsqualität, Beziehungsqualität). Sie trägt über das eigene Erleben und Verhalten auch zu positiven Veränderungen in der Lebensumwelt bei. Weitere empirische Forschung ist erforderlich, um stabilere und differenziertere Evidenz zu erbringen.