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Vipassana

von Nina Buchheld

— Gekürzte Fassung des Info-Briefes von Nina Buchheld —

1. Was ist Vipassana-Meditation?

1.1. Grundlagen

Vipassana bedeutet wörtlich „Intuitives Wissen“, „Inneres Verstehen“ oder „Hellblick“ (Gruber, 1997). Gemeint ist hiermit das intuitive Erkennen aller Daseinserscheinungen als vergänglich, nicht-hinreichend und unpersönlich (Nyanatiloka, 1981). Die Methode der Vipassana-Meditation beruht auf dem Pali-Kanon, welcher die ältesten vollständig überlieferten Reden des Buddha (6.-5. Jh.v.Chr.) enthält. Sie basiert hauptsächlich auf zwei der im Pali-Kanon dargestellten Praxislehren: die ‚Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit‘ (satipatthana sutta) – oft auch ‚Grundlagen der Achtsamkeit‘ genannt – und die ‚Rede vom Bewußten Ein- und Ausatmen‘ (anapanasati sutta) (Gruber, 1999). Die ‚Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit‘ (satipatthana sutta) lehrt Achtsamkeit anhand von vier Beobachtungsbereichen: Körper (kaya), Empfindungen (vedana), Geisteszuständen (citta) und ‚Natürliche Wahrheiten‘ (dhamma), die zusammen das gesamte Spektrum der menschlichen Erfahrung abdecken (Scholz, 1992).

1.2. Technik

Die grundlegende Übung ist die ‚Atembetrachtung‘ während der Sitzmeditation. Hierbei nimmt der Meditierende Kontakt mit dem Atem auf, ohne diesen zu manipulieren oder zu kontrollieren. Dabei ist die Konzentration auf einen konkreten Angelpunkt zwischen Atem und Körperempfindung hilfreich; z.B. das Heben und Senken der Bauchdecke oder das Ein- und Ausströmen des Atems durch die Nasenlöcher. Der natürliche Atemvorgang als Anker der Achtsamkeit hat den Vorteil, dass er eine Verbindung zwischen Körper und Geist und eine lebenswichtige, kontinuierliche und neutrale Erfahrung darstellt (Allmen, 1990). Indem der Prozess des Entstehens und Vergehens von Erfahrungen und nicht ihr spezifischer Inhalt betrachtet wird, werden alle Wahrnehmungen gleich behandelt (Brown & Engler, 1988; Kabat-Zinn, 1982). Mit dem Fortschreiten der Übung wird das Gewahrsein bis hin zu einem Zustand der „wahllosen Bewußtheit“ (engl. ‚choiceless awareness’) geöffnet, bei der jede Erfahrung uneingeschränkt in die Achtsamkeitspraxis eingeschlossen wird (Allmen, 1997). Die Achtsamkeitsübung kann in allen vier Körperpositionen (Sitzen, Gehen, Stehen, Liegen) und in jeder Lebenslage geübt werden. In den USA stellt die Vipassana-Meditation mittlerweile die populärste buddhistische Praxis dar (Gruber, 1999).

1.2.1. Die beiden Hauptansätze der Vipassana-Meditation

Das Benennen: Das Benennen (engl. ‚labeling‘) körperlicher und geistiger Prozesse soll mühelos und intuitiv gleich einem kurzen Blitzlicht oder Schnappschuss, welcher die gegenwärtige Erfahrung beleuchtet, erfolgen. Nur ein geringfügiger Teil der Aufmerksamkeit geht dabei in das Etikettieren der Prozesse; der Grossteil bleibt bei der unmittelbaren Erfahrung (Gruber, 1999). Das Benennen innerer und äußerer Reize (z.B. „angenehm“, „unangenehm“, „denken“, „planen“ usw.) fördert die Präsenz und verhindert das unbewusste „Eintauchen“ in Emotionen und Kognitionen. Im fortgeschrittenem Stadium der Meditation sollen auch diese Hilfsmittel wieder losgelassen werden. In den USA ist das ‚Labeling’, welches auf den burmesischen Mönch Mahasi Sayadaw zurückzuführen ist, der einflussreichste Ansatz (Gruber, 1999). Viele Lehrende dieses Ansatzes integrieren Psychologie und Psychotherapie in ihren Unterricht und ihre Schriften (z. B. Kornfield, 1995).
Das Körperdurchkehren: Bei der Technik des Körperdurchkehrens (engl. ‚body sweeping‘) wandert die Achtsamkeit systematisch durch den ganzen Körper. Dabei werden die körperlichen Manifestationen unserer Gefühlsreaktionen (vedana) betrachtet. Durch die methodische Entwicklung einer bewussten, gleichmütigen Wahrnehmung dieser Körperzustände und der Bedingungen ihres Entstehens und Vergehens soll das Übergehen der Empfindungen in automatische, zwanghafte Reaktionen verhindert werden (Gruber, 1999). Die Technik des Körperdurchkehrens ist ein weiterer burmesischer Ansatz des Vipassana, der auf U Ba Khin und dessen Schüler S.N. Goenka zurückzuführen ist. In Indien wird das Körperdurchkehren nach einer Empfehlung des Innenministeriums mittlerweile in den meisten Gefängnissen gelehrt (Gruber, 1999). Mehrere Studien belegen die positive Wirkung diese Ansatzes auf Verhalten und Einstellung der Inhaftierten und zeigen Effekte wie z.B. Reduzierung des Verlangens nach Rache, Steigerung der Selbstdisziplin und eine harmonischere Beziehung zwischen Wächter und Inhaftiertem (Chandiramani, Verma, Dhar & Aggarwal,1994).

1.3. Ziele

Vipassana – die auf Erfahrung begründete Einsicht in die Natur aller Daseinserscheinungen – ist also das Ziel, welches über den Weg der systematischen oder bewussten Entwicklung von Achtsamkeit erreicht werden soll (Gruber, 1997). Es handelt sich dabei nicht um einem veränderten Bewusstseinszustand per se, sondern um die Einsicht in die Natur der psychischen Funktionen (Engler, 1988). Dieses „spirituelle Langzeitziel“ der Achtsamkeitsmeditation geht einher mit der endgültigen Aufhebung des Leidens (nibbana) durch die vollständige Überwindung von Verlangen, Aversion und Ignoranz (Nyanaponika, 1993).

Literatur
Allmen, F.v. (1990). Die Freiheit entdecken: Vipassana Meditation im Westen. Zürich: Theseus.
Brown, D.P. & Engler, J. (1988). Die Stadien der Achtsamkeitsmeditation: Eine Validierungsstudie. Erster Teil. In K. Wilber, J. Engler & D.P. Brown, Psychologie der Befreiung (S. 171-202). Bern: Scherz.
Chandiramani, K., Verma, S.K., Dhar, P.L., Aggarwal, N. (1994). Psychological effects of vipassana on Tihar jail inmates: a preliminary report. In Vipassana Research Institute (Ed.), Vipassana – its relevance to the present world world: an international seminar, april 1994, New Delhi. Mumbai, India: Apollo Printers.
Engler, J. (1988). Therapeutische Ziele in Psychotherapie und Meditation: Entwicklungsstadien der Selbstrepräsentation. In K. Wilber, J. Engler & D.P. Brown, Psychologie der Befreiung (S. 31-66). Bern: Scherz.
Gruber, H. (1997). Das Herz buddhistischer Meditation. Die Hauptansätze der Achtsamkeitspraxis Vipassana im Westen. Deutsche Buddhistische Union (DBU). Lotusblätter – Zeitschrift für Buddhismus, 11, 4/97 + 1/98, 46- 51.
Gruber, H. (1999). Kursbuch Vipassana: Wege und Lehrer der Einsichtsmeditation. Frankfurt a. M.: Fischer.
Kabat-Zinn, J. (1982). An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients based on the practice of mindfulness meditation: theoretical considerations and preliminary results. General Hospital Psychiatry, 4, 33- 47.
Kornfield, J. (1995). Frag den Buddha – und geh den Weg des Herzens. München: Kösel.
Nyanaponika (1993). Geistestraining durch Achtsamkeit. Konstanz: Christiani. (1. Auflage 1969)
Nyanatiloka (1981). Buddhistisches Wörterbuch. Konstanz: Christiani.
Scholz, G. (1992). Vipassana-Meditation und Drogensucht: eine Studie über den Ausstieg aus der Herrschaft der Attraktion Droge. Diss. Universität Zürich. Zürich: ADAG.